Mittwoch, 5. September 2012

gelesen: Das Ende von Alice

Das Ende von Alice wurde bei vielen Buchhändlern als "Skandalbuch" bezeichnet. Und weil ich mir gern eine eigene Meinung bilde, habe ich es auch gelesen.

Aus der Beschreibung des Verlages: 
Als A.M. Homes’ Roman Das Ende von Alice 1996 in den USA erschien, sorgte er für heftigste Diskussionen, die selbst bis nach Deutschland überschwappten. Kein Verlag traute sich damals, das Buch auf Deutsch herauszubringen. Heute gehört A.M. Homes zu den anerkanntesten Schriftstellerinnen der Gegenwart, und es wird Zeit, diesen verstörenden, aus der Sicht eines pädophilen Kindermörders erzählten Text auch hierzulande zu entdecken.

Seit 23 Jahren sitzt Chappy, der Erzähler des Romans, im Gefängnis, er verbüßt eine lebenslange Haftstrafe für den Mord an der zwölfeinhalbjährigen Alice Somerfield und hofft auf baldige Freilassung. Im Gefängnis erhält er Briefe von einem neunzehnjährigen Mädchen, das vorgibt, Chappy zu bewundern. Sie selbst verbringt die Sommerferien in ihrem Elternhaus und hat ein Auge auf den zwölfjährigen Nachbarjungen geworfen. Zwischen Chappy und dem jungen Mädchen entwickelt sich eine Brieffreundschaft, die um Begehren und Perversionen kreist. 
Verstörend. Das ist es, was mir zu diesem Buch einfällt. Das macht es nicht schlecht, ganz im Gegenteil. Verstörend ist die detaillierte Beschreibung der unsäglichen Dinge, die Chappy mit Alice und die namenlosen Briefeschreiberin mit ihrem Nachbarsjungen tun. Verstörend ist, wie man während des Lesens immer wieder beginnt, Sympathie für den Ich-Erzähler zu entwickeln, für den seine pädophile Neigung völlig normal ist, und der im Gefängnis von seinem Zellengenossen vergewaltigt wird.

Wirklich harter Tobak, dieses Buch, und es ist stellenweise wirklich schwer zu ertragen, wie der Ich-Erzähler mit dem Leser spielt und ihn auf seine Seite zu ziehen versucht. Im Gegensatz zu allen Krimis und Thrillern sind es hier nicht blutig-spannende Szenen, die einem die Nackenhaare aufstellen, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der hier grausamstes Verhalten beschrieben wird.

Warum das Buch einen Skandal verursacht hat, kann ich in gewisser Hinsicht verstehen. Man könnte die Art und Weise, in der die Autorin den Ich-Erzähler darstellt, auch als Verharmlosung oder gar Verklärung der Pädophilie verstehen. Ich glaube aber nicht, dass es das Ziel ist. Was es aber erreicht ist, dass der Leser sich auf ziemlich eindrucksvolle Weise dessen bewusst wird, dass Menschen mit unverständlichen, grausamen und perversen Neigungen (in welcher Ausprägung und mit welcher Konsequenz auch immer, das beschränkt sich ja nicht auf Pädophile) diese als völlig normal empfinden. Dass ihnen sicherlich bewusst ist, dass diese Neigungen gesellschaftlich nicht akzeptiert sind, aber dass sie sich diese Neigung nicht ausgesucht haben. Das bedeutet keineswegs, dass man Verständnis oder Mitleid aufbringen muss, aber schafft einen anderen Blickwinkel.

Sterne zu vergeben fällt mir hier wirklich schwer. "Das Ende von Alice" bringt den Leser in jeder Hinsicht an seine Grenzen, es ist zugleich großartig und grauenvoll.  Für das beständige Schwanken zwischen weiterlesen und es weglegen zu wollen, vergebe ich drei Sterne: «««

Gebundene Ausgabe (304 Seiten), Verlag: Kiepenheuer & Witsch (April 2012)
ISBN: 978-3462043815
Gebundene Ausgabe: 19,99€

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen