Freitag, 3. Januar 2014

Gelesen: Wunder muss man selber machen ( Nachtrag aus 2013)

Ich lese selten Sachbücher. Die meisten sind ja zugegebenermaßen auch nicht sonderlich kurzweilig, von einigen Ausnahmen mal abgesehen. Am allermeisten gilt das wohl für Wirtschaftsbücher. Ganz davon abgesehen, dass ich damit während meines Studiums mehr als genug zum Gähnen langweilige Stunden verbracht habe.

"Wunder muss man selber machen" ist anders - aber auch kein klassisches Wirtschafts-Sachbuch. Und, wie ich gleich nach den letzten Zeilen bei Twitter kundgetan hab, das beeindruckendste Buch, das ich 2013 (mindestens!) gelesen habe.

In "Wunder muss man selber machen" erzählt die Autorin Sina Trinkwalder, wie es bei ihr "Klick" gemacht hat, und sie sich nicht mehr damit zufrieden geben wollte, sich für ihre Arbeit mit noch einer Gucci-Tasche zu belohnen, dabei aber nichts nachhaltiges zu bewirken

Sie will Menschen Arbeit geben, die sonst keine Chance bekommen, zu Konditionen, mit denen sie ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften können. Trotz vieler Hemmnisse und nicht dank, sondern trotz Politik und Banken, die sie nicht unterstützten, sondern ihr im Gegenteil eher Steine in den Weg gelegt haben, zieht sie ihr Vorhaben durch und gründet Manomama.

Diejenigen, die oft bei dm einkaufen, kennen Manomama, vielleicht auch ohne es zu wissen: das ist die Firma, die die bunten Stofftaschen herstellt, die dort in wechselnden Farben zu erstehen sind (und von denen ich - nebenbei bemerkt - ungefähr 8 zu Hause liegen habe). Manomama fertigt aber nicht nur Stofftaschen für dm (und Edeka Süd), sondern auch Bekleidung für Frauen, Männer und Kinder sowie einige Accessoires, erhältlich via Online-Shop. Das besondere daran?

Die Mitarbeiterinnen bei Manomama sind allesamt Menschen, die auf dem "normalen" Arbeitsmarkt nie eine Chance auf eine Festanstellung hätten und sich stattdessen von einem schlechtbezahlten Leiharbeitsjob zum nächsten hangeln müssten. Wenn überhaupt. Weil sie zu alt sind, Kinder haben oder weil ihr Lehrberuf in Deutschland schlicht nicht mehr gefragt ist. Wie Näherin zum Beispiel. Insgesamt 140 solcher "Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen" hat Sina Trinkwalder bis heute bei Manomama zu unbefristeten Arbeitsverhältnissen mit Arbeitszeiten verholfen, die mit der Familie vereinbar sind und zu Löhnen, von denen sie leben können.

Alle Produkte von Manomama werden von der Garnspinnerei über das Weben, Färben bis hin zur Naht in Bioqualität und in Deutschland hergestellt.

Wir lehnen die textile Kalkulationsverarsche ab, welche bedingt, dass der Endpreis weit über dem eigentlichen Wert eines Produktes liegt. Der Preis eines manomama-Textils ist das, was ihr bezahlen müsst, wenn ihr wollt, dass jeder in gleichen Teilen in der Wertschöpfungskette von seiner Arbeit leben kann.

Trotz allem sind Klamotten von Manomama bezahlbar - im Gegensatz zu vielen anderen "Öko", Fairtrade oder sonstigen Gutes Gewissen-Artikeln.

Für mich war es deswegen so beeindrucken, weil Sina Trinkwalder mitbieten Unternehmen alles anders gemacht hat, als es gelehrt wird: in Deutschland produziert zu anständigen Löhnen und Bedingungen und trotzdem bezahlbar und vor allem: auch ökonomisch tragfähig, also fernab jeder phantasierten Sozialromantik, und zupackend statt in Vuitton-Kleidern auf Charity-Galas Champagner schlürfend über das Unglück der Welt zu palavern. Ich finde, jeder Unternehmer und Politiker sollte sich das Buch einmal durchlesen und sich die eine oder andere Anregung im Kopf behalten. Für alle anderen ist es einfach deswegen lesenswert, weil es eben auch anders geht.

Wer von dem Lesen gucken möchte: Ab dem 6. Januar, 21:15 Uhr, begleitet die RTL-Sendung "Made in Germany" Sina Trinkwalder vier Folgen lang bei der Entstehung ihrer Unterwäsche-Kollektion.

Wunder muss man selber machen

Verlag Droemer HC (2013), 288 Seiten

ISBN: 978-3426276150

Gebundene Ausgabe, Audiobook: 16,99€

eBook: 14,99€

 

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