Freitag, 10. Oktober 2014

Leben retten kann so einfach sein... Teil 4: Nabelschnurblutspende

Vor zwei Jahren hab ich schon mal eine Mini-Serie zum Thema Blut-, Knochenmark- und Organspende gebloggt. Kam mir gar nicht so lange vor, wenn ich ehrlich bin...

Nachdem ich zuletzt bei Instagram die Registrierungsunterlagen zur Nabelschnurblutspende gepostet hatte, gab es einige Nachfragen dazu, deswegen wird die Serie jetzt um Teil 4 verlängert.


Leider ist es nämlich so, dass die Möglichkeit der Nabelschnurblutspende noch sehr unbekannt ist und auch nicht in allen Krankenhäusern angeboten wird. Zudem weisen viele Ärzte und Hebammen auch nicht darauf hin. Ich finde, das sollte eigentlich zu den Themen bei den Vorsorgegesprächen dazugehören. Meine Ärztin zum Beispiel kommt aus einem Haus, das auch Nabelschnurblutspende anbietet, hat das aber mit keinem Wort erwähnt und wusste auch nicht, dass das Krankenhaus, das ich mir ausgesucht habe, das ebenfalls anbietet.

Dabei ist es ganz einfach, tut niemandem weh, kostet nichts und könnte so viel bewirken...

Worum geht es eigentlich?
Bis zur Geburt, wird das Kind über Plazenta (Mutterkuchen) und Nabelschnur von der Mutter mit allem Notwendigen versorgt. Nach der Geburt sind Nabelschnur und Plazenta medizinischer Abfall und werden in 97% der Fälle entsorgt. In der Nabelschnur und der Plazenta befindet sind nach der Geburt und Abnabelung des Neugeborenen noch Nabelschnurblut, also kindliches Blut. Während der Schwangerschaft erfolgt die Blutbildung in der Leber und der Milz des Kindes. Erst im letzten Schwangerschaftsdrittel „wandert“ die Blutbildung von dort über den Blutkreislauf in das Knochenmark. Deshalb befinden sich zum Zeitpunkt der Geburt außergewöhnlich viele Stammzellen im kindlichen Blut und damit auch im Restblut von Nabelschnur und Plazenta. Diese können nach der Geburt gefahrlos für Mutter und Kind entnommen, eingelagert und transplantiert werden.

Was sind "Stammzellen"?
Stammzellen, genauer gesagt Blutstammzellen, sind in der Lage, verschiedene Zelltypen zu bilden - die Blutstammzellen eben Blut- und Abwehrzellen. Einige bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems, wie zum Beispiel Leukämie, Lymphdrüsenkrebs (Lymphomen), einigen Autoimmunerkrankungen oder nach einer Chemotherapie machen eine Stammzellenspende erforderlich. Die Spenderzellen ersetzen dann das erkrankte Immunsystem des Empfängers und bilden neue, gesunde Zellen.

Das Schwierige bei der Übertragung von Blutstammzellen ist, dass bestimmte Gewebemerkmale (HLA-Typen) übereinstimmen müssen. Diese gibt es in Millionen unterschiedlichen Kombinationen, und müssen bei Spender und Empfänger möglichst gut übereinstimmen. Je größer die Übereinstimmung, desto größer ist auch die Chance auf eine erfolgreiche Transplantation. Umgekehrt sinkt diese Chance, je unterschiedlicher die HLA-Typen sind. Die Suche nach einem passenden Spender gestaltet sich daher unter Umständen äußerst schwierig, wenn er nicht im eigenen Familienumfeld zu finden ist. Das ist leider nur bei einem kleinen Teil (ca. 30%) der Erkrankten der Fall. Alle anderen sind auf fremde Spender angewiesen.

Warum das Ganze? 
Im Vergleich zu Blutstammzellen von Erwachsenen sind Nabelschnurstammzellen noch nicht so immunoligisch spezifiziert. Deswegen sind Nabelschnurstammzellen besser verträglich, falls die HLA-Merkmale nicht so genau übereinstimmen. Dadurch, dass das Blut ja bereits vorhanden ist, stehen die Stammzellen sofort zur Verfügung - die Vorbereitung des Spenders entfällt. Außerdem besteht bei der Entnahme kein Infektionsrisiko für den Spender - das Neugeborene ist ja bereits abgenabelt.

Wie läuft das ab?
Im Vorfeld muss man - wie immer - einigen Papierkram ausfüllen. In meinem Fall war das ein Fragebogen und die Einverständniserklärung beider Elternteile zur Spende.

In dem Fragebogen werden - ähnlich wie bei der Blutspende - einige Risikofaktoren abgefragt. Nicht in Frage kommen nämlich alle Kinder, 
  • deren Mütter unter 18 Jahren alt sind
  • bei denen es Komplikationen in der Spätschwangerschaft gab
  • bei denen die Mutter oder der Vater bestimmte (genetische oder erworbene) Erkrankungen haben, z.B. genetische Erkrankungen oder Infektionskrankheiten wie HIV, Hepatitis etc.
  • deren Mutter Suchtkrank ist
  • die selbst oder deren Mutter zu einer Risikogruppe nach den Richtlinien der Bundesärztekammer gehört
Das Blut wird nach der Abnabelung aus der Nabelschnur und der Plazenta entnommen und in einem Beutelsystem an die Nabelschnurblutbank gesendet. Die Spende hat also keinen Einfluss auf den Geburtsverlauf. In der Blutbank wird die Spende bei -180°C gelagert und einigen Tests unterzogen. Die für eine Spende relevanten Merkmale werden  - sofern die Spende für ein Transplantat in Frage kommt - pseudonymisiert in einer zentralen Datenbank gespeichert und stehen dann weltweit zur Verfügung.

Nach einiger Zeit erhalten die Eltern eine Information, ob die Spende auch als Transplantat in Frage kommt. Das hängt von einigen Faktoren wie Gewebemerkmalen, Zellzahlen usw. ab. Falls die Spende nicht als Transplantat genutzt werden kann, ist sie jedoch nicht verloren - sie kann (sofern man das nicht im Vorfeld ausschließt) für die Stammzellforschung genutzt werden.

Quelle: DKMS Nabelschnurblutbank

Was ist, wenn mein Kind selber einmal Stammzellen benötigt?
Falls das Nabelschnurblut noch nicht bei einem anderen Patienten zum Einsatz gekommen ist, besteht die Möglichkeit, es im Bedarfsfall wiederzubekommen. Die Daten des Nabelschnurblutes werden anonym veröffentlicht, doch die Nabelschnurblutbank kann jederzeit nachvollziehen, von wem welche Spende stammt. Man könnte also feststellen, ob die Spende noch im Register ist, und sie dann auch für den Eigenbedarf freigeben.

Neben der Spende besteht auch die Möglichkeit, das Nabelschnurblut privat gegen einen Kostenbeitrag für den Eigenbedarf einzulagern. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, diese dann zu benötigen, sehr gering, da auch bei vielen Erkrankungen hauptsächlich fremde Stammzellen verwendet werden, um auszuschließen, dass die Krankheit schon im eigenen Nabelschnurblut angelegt war und damit wieder ausbricht. Außerdem helfen die Immunfaktoren fremder Stammzellen bei der Bekämpfung der Erkrankung.

Jetzt mal ehrlich: was kostet das?
Nichts. Ehrlich. Nabelschnur und Plazenta werden nach der Geburt vom Krankenhaus mit dem medizinischen Abfall entsorgt - sollte man das Bedürfnis haben, die Plazenta im Garten zu vergraben, Globuli daraus herstellen zu lassen oder Ähnliches, geht das auch nach der Nabelschnurblutspende noch.

Die Kosten für die Entnahme und Einlagerung von Spenden werden durch die Blutbanken getragen - diese finanzieren sich in der Regel durch Geldspenden und Gebühren für die Bereitstellung von Spenden.

Und wo geht das?
Im Gegensatz zur Spendendatenbank gibt es keine zentrale Datenbank für Entnahmekliniken. Das Knochenmarkspenderregister stellt eine Liste der öffentlichen Nabelschnurblutbanken zur Verfügung, bei denen man dann kooperierende Kliniken suchen kann. Auf der Homepage der privaten Datenbank Vita 34 gibt es eine Kliniksuche, bei der man nach dem Merkmal "S" die Kliniken filtern kann, die Spenden entgegennehmen. Die Liste ist leider aber auch nicht vollständig - mein Krankenhaus fehlt beispielsweise noch. Am einfachsten geht es, wenn man in dem oder den in Frage kommenden Krankenhäusern direkt nachfragt.

Nachtrag: Nach meinem Posting hier habe ich folgende E-Mail von Eticur mit einer aktuellen Aufstellung der Kliniklisten bekommen. Leider ist die Liste des Knochenmarkspenderregisters nicht mehr aktuell, und auch nicht vollständig:
"In der folgenden Übersicht befinden sich 5 links zu allen Kliniklisten (Stand August 2014), in denen Kliniken verzeichnet sind, in denen eine öffentliche Spende möglich ist.

Der Hinweis auf die ZKRD Seite ist zwar relativ hilfreich, aber dort fehlt die Jose-Carreras–Stiftung, weil diese Ihre Präparate selbst international weitermeldet (und eben nicht über die ZKRD), außerdem stehen dort noch die nicht mehr aktiven Nabelschnurblutbanken Uni Freiburg und die Deutsche Nabelschnurblutbank (auch NKR= Norddeutsches Knochenmark- und Stammzellspender-Register) Hannover drin. Letztere hat Ihre Zusammenarbeit mit vita34 seit ~2 Jahren beendet und bietet keine Möglichkeit für Nabelschnurblutspenden mehr."


Aktuelle Möglichkeiten für öffentliche Nabelschnurblutspenden in Deutschland

Für die Eltern kostenlos, dafür werden die Rechte an die öffentliche Nabelschnurblutbank abgegeben, ähnlich zur normalen Blutspende. Die Einlagerung wird durch Spendengelder finanziert.


Deutsche
Knochenmarkspenderdatei,
DKMS, Dresden
Deutsche Stammzellspenderdatei,
DSSD,
Mannheim
Jose Carreras Stammzellbank,  JCS,  Düsseldorf
Stammzellbank des Universitätsklinikums Erlangen
Stiftung Aktion Knochenmarkspende
AKB, Gauting

Verteilung der Kliniken
ca. 80 Kliniken bundesweit
ca. 10 Kliniken in Baden-Württemberg
ca. 90 Klinken bundesweit, Schwerpunkt NRW, Niedersachsen
Frauenklinik Erlangen
ca. 650 Kliniken Bundesweit in Kooperation mit eticur)
ca. 10 Kliniken in Bayern
Links zu den Kliniklisten
 > Eltern
> Entnahmekliniken

> wo kann ich Spenden
> Entbindungskliniken
Entnahmesets
in Klinik
in Klinik
in Klinik
in Klinik
Zusendung per Kurier an die Eltern ~ SSW 36+5, deshalb
Anmeldung vor SSW 35+1 nötig!
in Klinik
Listung in Deutschland
ZKRD
ZKRD
eigene
ZKRD
ZKRD
ZKRD
Listung
International
BMDW
BMDW
BMDW
BMDW
BMDW
BMDW

ZKRD = Zentrales Knochenmarkspenderegister Deutschland
BMDW = Bone Marrow Donors Worldwide

Vielen Dank dafür!

Kurz noch mal zusammengefasst in einem Film der DKMS (Flash):

Weitere Informationen:



Kommentare:

  1. Darf man in D Plazenta im Garten vergraben? o_O

    Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag. Sollte ich mal schwanger werden, werde ich den "Antrag" auf jeden Fall ausfüllen.

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  2. Ja, darf man. Die bleibt ja im Prinzip Dein Eigentum, also kannst Du sie auch mitnehmen. Es gibt sogar merkwürdige Firmen, bei denen man Präparationssets bestellen kann, um daraus hinterher Globuli und Tropfen gegen wasweißich zu machen...

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