Sonntag, 17. Mai 2015

Ein halbes Jahr mit dem Glückskind

Sonntag ist eigentlich Wochenrückblicktag... Hier war es in den letzten Wochen ziemlich ruhig. Das liegt zum Einen daran, dass ich zum Teil einfach keine Lust hatte zu bloggen (wenn ich denn die Zeit gehabt hätte), zum Anderen aber auch, dass das, was ich hätte bloggen können, zu großen Teilen ein einziges Chaos in meinem Kopf war, das ich erst mal ordnen musste. Das Chaos ist teilweise geordnet, aber immer noch viel. Deswegen wird das hier ein längerer Post, aber das muss mal einfach raus.

Das Glückskind ist inzwischen ein ganzes halbes Jahr alt. Wahnsinn, wie schnell diese Zeit vergangen ist! In einem Monat gehe ich schon wieder arbeiten, und die bessere Hälfte bleibt zu Hause. Direkt vorher feiern wir noch die kirchliche Hochzeit und Taufe des Glückskindes. Noch so viel zu tun bis dahin, und ich freu mich wahnsinnig!

Vergangenen Dienstag war die U5 des Glückskindes. Er wächst und gedeiht, ist inzwischen 67 cm groß, fast 7 kg schwer und hat also sein Geburtsgewicht verdoppelt. Er dreht sich vom Rücken auf den Bauch und manchmal auch zurück, drückt sich aus den Beinen in den Stand hoch, und rudert auf dem Boden rum. Manchmal bewegt er sich dabei um die eigene Achse oder mit Glück auch voran. Das Kind sabbert wie ein Berner Sennenhund, ich rechne täglich mit dem ersten Zahn. Aber das tue ich schon seit zwei Wochen... Er ist eine richtige Wasserratte geworden, und hat Riesenspaß beim Babyschwimmen und mit Papa in der Wanne, deswegen werden wir den Babyschwimmkurs auch verlängern.

Vergangenen Dienstag wäre auch der Geburtstag meiner Oma gewesen. Leider ist sie ja im Februar verstorben und schon die zweite Uroma, die das Glückskind verloren hat. Im November, kaum eine Woche nachdem das Kind auf die Welt gekommen ist, ist ja auch eine Oma der besseren Hälfte gestorben. Dabei haben wir sie im Krankenhaus noch in der Ambulanz gesehen, als ich darauf wartete, dass die Medikamente zur Einleitung wirken. Gesehen hat sie das Kind dann nur noch auf Fotos, aber mächtig stolz war sie trotzdem. Als wir letztes Jahr standesamtlich geheiratet haben, haben wir immer Scherze gemacht, dass wir das eigentlich nur machen, "damit das Kind 'nen Vater hat". Und dass wir überhaupt Gäste dabei haben, weil die Omas immer befürchten, die kirchliche nicht mehr zu erleben. Wir haben ja alle nicht geahnt, wie recht sie damit hatten...

In den letzten paar Wochen hab ich viel über mich gelernt. Obwohl ich diese Vergleiche mit anderen Kindern und Müttern hasse, ist mir aufgefallen, dass ich's trotzdem immer wieder tue, und dabei immer öfter an mir selbst zweifle. Ich habe zu vielen Dingen, die mein Kind angehen, eine Meinung. Bei den meisten ist das eine von der "für uns ist das der richtige Weg, wenn es andere anders machen, ist das auch gut"-Sorte. Trotzdem gucke ich immer mal, wie es andere machen, und oft genug macht mir das ein schlechtes Gewissen. Zum Beispiel die unumstößliche Tatsache, dass ich ab Juni wieder arbeiten gehe, weil ich es will, und auch weil uns nicht viel anderes übrig bleibt: Dazu durfte ich mir von einem kinderlosen Bekannten (Lokalpolitiker) aus gutsituierten Kindheitsverhältnissen (sprich Papa hat so viel verdient, dass Mama bis heute nur Hausfrau sein muss und der Putzfrau beim Putzen zuguckt oder so) anhören, dass "Eltern zu Gunsten ihrer Kinder im Beruf zurückstecken sollten". Dass man damit nicht nur im Beruf, sondern zum Beispiel auch in der Altersversorgung zurücksteckt, hat er dabei mal fix ausgeblendet. Und auch wenn er "Eltern" schrieb, war klar, dass er "Mütter" meinte. Ich bin ehrlich gesagt froh, wenn ich wieder arbeiten gehe und mich nicht mehr den ganzen Tag nur mit Windeln und Brei beschäftigen muss. Mir fällt echt die Decke auf den Kopf, und das nicht so so sehr, weil ich nicht vor die Tür gehe, sondern weil mir die Gesprächsthemen fehlen.

Aber auch an einem weiteren Punkt hatte ich immer wieder den Eindruck, dass mit mir was nicht stimmt. Einfach, weil man immer nur das Gegenteil zu lesen und hören bekommt, oder wenn jemand dasselbe äußert, Reaktionen kommen, die darauf schließen lassen, dass etwas nicht stimmt. Aber es ist, wie es ist: Stillen nervt mich. Ich hatte nie das vielbeschriebene Blümchen-Schmetterlinge-Glücksgefühl beim Stillen. Ich hatte aber auch nie ein Problem damit, zu stillen, zu Hause oder in der Öffentlichkeit. Das kann man ja auch so machen, dass es keiner mitbekommt. Es muss halt sein, weil das Kind was zu Essen braucht und Stillen erwiesenermaßen das Beste ist. Aber nicht alles, was gut und sinnvoll ist, macht ja auch Spaß. Mir macht es keinen. Im Gegenteil, es nervt mich. Ich möchte meinen Körper wieder haben, wieder in meine T-Shirts passen und mir vor allem nicht immer Gedanken um die Stilltauglichkeit meiner Klamotten machen müssen. Und jedes Mal, wenn ich das geäußert habe, bekam ich Antworten wie "also ich würde am liebsten gar nicht mehr damit aufhören" oder "man soll aber sechs Monate voll stillen" oder ähnliches. Das ist nicht hilfreich! Ich kam (und komme mir zeitweise immer noch) vor wie ein Alien, als wäre irgendwas mit mir falsch, und hab mir zu Hause die Augen aus dem Kopf geheult, weil ich eine schlechte Mutter bin. Und irgendwann kam ich trotzdem zu dem Ergebnis: Alles Quatsch. Das erste Mal, als ich sowas wie Zuspruch hörte, war eine Mutter im Rückbildungskurs, die mir sagte, wenn es mich nicht glücklich macht, macht es auch das Kind nicht. Da könnte sie Recht haben. Und endgültig geplatzt ist der Knoten dann dank eines Gastbeitrages auf Stadt Land Mama. Ganz so alienhaft bin ich also doch nicht. Und eigentlich war ich schon immer der Überzeugung, dass es dem Kind nur dann gut geht, wenn es mir auch gut geht.

Mit dem Brei Essen hatten wir sowieso schon Ostern angefangen. Das kam quasi von selbst, weil ich nicht mehr essen konnte, ohne dass das Kind mir das Essen aus den Fingern geklaut hat. Also haben wir Ostern mal mit Gemüsebrei angefangen und munter ausprobiert, was geht. Wir wussten ja nicht, dass das Kind verwirrt sein muss, wenn er mehr als ein Gemüse pro Woche kennengelernt. Und so kannte er denn nach einer Woche schon Möhren, Kohlrabi, Zucchini, Fenchel, Äpfel und Kartoffeln. Eine Woche später kam Reis dazu, dann Erbsen, Brokkoli, Rindfleisch, Huhn und Lachs. Und alles wird mit wachsender Freude gegessen, ebenso wie Obstbrei nachmittags und Getreide-, Grieß- oder Haferbrei abends. Inzwischen isst er zwei bis drei Mal am Tag Brei. Die restlichen Mahlzeiten haben wir peu à peu auf Flasche umgestellt und ich habe seit Ewigkeiten mal wieder ein Oberteil getragen, das ich nicht vorher auf Stilltauglichkeit überprüft habe.

Durch das Abstillen habe ich zudem die Hoffnung, dass sich meine Neurodermitis bessert, mit der ich seit der Geburt sehr zu kämpfen habe. Dafür bleibt mir dieses Jahr der Heuschnupfen erspart, aber wenn ich beides im Vergleich sehe, nehme ich den Heuschnupfen gerne zurück, wenn ich die Neurodermitis dafür wieder abgeben darf. Eine laufende Nase und tränende, juckende Augen sind zwar unangenehm, aber die optische Beeinträchtigung macht mir persönlich sehr viel mehr zu schaffen - gerade auch, weil sich die Hautreaktionen bei mir hauptsächlich im Gesicht zeigen. Außerdem kann ich dann wieder essen und trinken, wie und was ich will - vor allem wie wenig ich will. Denn was bei mir auch nicht funktioniert hat, war das Abnehmen beim Stillen. Im Gegenteil: Hätte ich nicht aufgepasst, hätte ich wieder zugenommen.

Aber ich will ja nicht nur jammern. Denn das Glückskind ist ohne das tollste, niedlichste, großartigste Kind der Welt. Wir können ihn ohne Probleme überall mit hinnehmen, und eigentlich (wenn nicht grad ein Schub, ein Zahn oder eine Erkältung ärgern) ist er total pflegeleicht und fast immer gut gelaunt. Ich bin jeden Tag erstaunt, was er wieder neues kann, und wie er sich über Nacht entwickelt hat. Manchmal kommt es mir vor als würde da nachts jemand vorbei kommen und ein Update aufspielen. Vor allem in den letzten Wochen kommt er mir fast jeden Tag verändert vor.

Seit das Kind da ist, hat sich mein bzw. unser Leben komplett verändert. Aber irgendwie ist es auch, als wär er schon immer da gewesen. Und auch wenn es manchmal anstrengend ist, einem vom Schreien die Ohren wehtun, wenn man nichts geschafft bekommt und manche Tage nicht mal aufs Klo geschweige denn aus den Schlafklamotten rauskommt, würde ich ihn für nichts in der Welt wieder hergeben.

Und eigentlich ist das hier auch kein Mamiblog, soll es auch nicht werden - aber es ist halt einfach so, dass das Kind jetzt einen großen Anteil an meinem Leben hat. Deswegen wird es auch künftig hier immer wieder Kinderkram geben. Aber nicht ausschließlich. Ich will mich auch nicht darauf festlegen, wann ich hier wieder mal regelmäßig schreibe (also abgesehen von Wochenrückblicken) - vermutlich dann, wenn ich wieder andere Dinge erlebe als Breirezepte und Babyschwimmen.

1 Kommentar:

  1. Glücksgefühle hatte ich beim Stillen auch nicht. Es war halt ein notwendiges Übel. ;)

    Also mir wurde damals gesagt, dass man langsam mit dem Gemüse und Obst anfangen soll und auch nicht so viel durcheinander, weil dann die Gefahr von Allergien steigt. Ob das stimmt weiß ich nicht, aber nu ist es bei Euch eh zu spät... ;O)

    Ich denke es ist einfacher für Dich, wieder arbeiten zu gehen und den Kleinen beim Papa zu wissen. Wäre das damals bei uns gegangen, hätten wir das auch gemacht. Fremden wollte ich mein Kind nicht geben und wenn ich ehrlich bin auch den Großmüttern nicht. Meine Mutter ist zu lasch und die Schwiemu zu streng. Das hätte nur Stress gegeben. Aber Eure Lösung ist optimal!

    LG

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